Zur Geschichte der Reformation in Lindau

Bereits im Jahre 1518 waren in der Reichsstadt Lindau Flugblätter mit reformatorischem Inhalt im Umlauf. Der eigentliche Verkünder der neuen Lehre war jedoch Michel Hug (oder Hugo), ein Mönch aus dem Konvent der Franziskaner. Da die Franziskaner barfuß in Sandalen gingen wurden sie auch Barfüßermönche genannt.  Beeinflusst von den Schriften Luthers und Zwinglis begann der Mönch Michel Hugo schon im Jahre 1522 in der Barfüßerkirche, dem heutigen Lindauer Stadttheater vehement gegen den Ablasshandel und die Missstände in der katholischen Kirche zu predigen.

 
Aquarell von Emma Eibler um 1890   Foto vor dem Umbau 1951

 

Eingangsbereich des heutigen Lindauer Stadttheaters

 

Der amtierende Pfarrer von Lindau war seit 1518 Dr. Johannes Faber (oder Fabri), ein renommierter katholischer Theologe, der ständig als Berater in Konstanz beim Bischof weilte und dabei seine Lindauer Pfarrei sträflich vernachlässigte.

Bild: Johannes Faber

Dieser Zustand war dem  Rat und der Bürgerschaft schon lange ein Dorn im Auge. Am Fronleichnamstag 1523 kam es zum Eklat. Wieder einmal hatte der Mönch Hugo in der Barfüßerkirche eine Predigt gehalten und dabei Johannes Faber in offener Polemik attackiert, worauf Faber noch am gleichen Tag zu seinem Bischof nach Konstanz floh. Daraufhin unternimmt der  Rat der Stadt einen Schritt von größter Tragweite: Der  pflichtvergessene Faber wird kurzerhand seines Amtes enthoben und an seine Stelle wird der bisherige Vikar Siegmund Rötlin,  ein von der Lehre Zwinglis beeinflusster Geistlicher, als neuer Stadtpfarrer eingesetzt. Als Rötlin ein Jahr später während der großen Pestepidemie stirbt, übernimmt sein Vikar, der aus Bludenz stammende Thomas Gassner, das Pfarramt. Gassner gelingt es schon bald alle theologischen Veränderungen einzuführen. Er gilt heute als der eigentliche Reformator der Reichsstadt Lindau

Im Jahr 1530 wird auf dem Reichstag zu Augsburg die  von Philipp Melanchton verfasste „Augsburger Konfession“ dem Kaiser vorgelegt, die allerdings von den Städten der „Tetrapolitana“, nämlich Strassburg, Konstanz, Lindau und Memmingen nicht  unterzeichnet worden ist. Im selben Jahr wird die Lindauer Stephanskirche von einem „Bildersturm“ heimgesucht bei dem Gemälde, Statuen und Altäre aus dem Gotteshaus entfernt und zum Teil vernichtet werden.
In diesem turbulenten Jahr 1530 heiratet Thomas Gassner Katharina von Ramschwag, eine Dame aus dem adeligen Lindauer Damenstift, die bereits zur Nachfolgerin der amtierenden Fürstäbtissin nominiert worden war. Diese Heirat zwischen dem bürgerlichen, protestantischen Pfarrer und der katholischen Adelsdame löst nicht nur in den Kreisen des katholischen Klerus große Empörung aus, auch der Adel aus der Bodenseeregion lehnt sich gegen diese Verbindung auf.
Allen Unkenrufen zum Trotz führen Thomas Gassner und Katharina von Ramschwag eine gute Ehe, obwohl ihnen eigene Kinder versagt bleiben. Sie müssen bei der Bevölkerung sehr beliebt gewesen sein, denn in den Kirchenbüchern werden sie häufig als Göte oder Göta (Taufpaten) genannt.

 

Bildnachweis: Dr. Jahannes Faber - Wikimedia